Obwohl in aller Welt Filme produziert werden, die wirtschaftliche und industrielle
Informationen vermitteln, gibt es keine allgemein gültige Definition des
Industriefilms, da gravierende Unterschiede zwischen den einzelnen Nationen
über diesen Begriff bestehen. In der Bundesrepublik Deutschland wurden
verschiedene Bezeichnungen für diese Filmgattung verwendet, wobei der früher
verwendete Titel "Informationsfilm" sich nicht durchgesetzt hat. In
den 1950er-Jahren versuchte man vergebens, die Bezeichnung "Wirtschaftsfilm"
einzuführen. Die Bezeichnung "Industriefilm" ist inzwischen jedoch
international üblich. Lediglich in Österreich und der Schweiz wird
heute noch vom Wirtschaftsfilm gesprochen.
Von allen Versuchen, den Industriefilm, dessen Auftraggeber nicht nur Industrie-
und Wirtschaftsunternehmen, sondern auch Bund, Länder und Gemeinden sind,
zu definieren, fand die Definition von Günter Huhndorf (IHK Dortmund) weiteste
Akzeptanz: "Industriefilme sind Dokumentarfilme, die eine möglichst
breite Öffentlichkeit über Struktur und Funktion der Wirtschaft, ihre
Produkte und Leistungen unterrichten und für die Wirtschaft insgesamt,
für einzelne Wirtschaftszweige oder Unternehmen, nicht aber für bestimmte
Erzeugnisse werben." Diese Begriffsbestimmung entspricht im wesentlichen
auch derjenigen, die vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), der Bundesvereinigung
der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), dem Institut der deutschen Wirtschaft
(IW) sowie von den produzierenden Industrie- und Wirtschaftsunternehmen verwendet
wird.
Die Bedeutung des Industriefilms als ein wichtiges Medium zur Vermittlung von
Kenntnissen wirtschaftlicher und industrieller Zusammenhänge veranlasste
das damalige Deutsche Industrieinstitut – heute: Institut der deutschen Wirtschaft
– erstmalig in den 1950er Jahren, eine Bestandsaufnahme durchzuführen.
Das Ergebnis war die Registrierung von 1967 Filmen.
Seit 1959 erscheint jährlich eine Dokumentation mit dem Titel "Der
deutsche Industriefilm". Sie gibt Auskunft über die erfassten Filme
(Auftraggeber, Titel, Produzent, technische Daten, Inhaltsangabe) und wird vom
Institut der deutschen Wirtschaft kostenlos abgegeben. Dadurch soll allen Interessenten
eine Übersicht über den Stand des Industriefilmschaffens und die Verfügbarkeit
derartiger Filme für die Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen, Verbänden
und anderen Institutionen sowie für Schulungszwecke gegeben werden. Trotz
größter Bemühungen der Filmberatungsstelle beim Institut der
deutschen Wirtschaft wird sich die Zahl der produzierten Industriefilme nicht
exakt feststellen lassen, da manche Auftraggeber und Produzenten es versäumen,
ihre Produktionen bekannt zu geben. Kenner der Industriefilmszene sind jedoch
der Ansicht, dass jährlich etwa 400 bis 500 Industriefilme hergestellt
werden.
Es gibt Industrie- und Wirtschaftsunternehmen, die auf Grund ihrer wirtschaftlichen
Bedeutung über erhebliche Filmbestände, die sich in entsprechenden
Kopienzahlen ausdrücken, verfügen. Obwohl diese Filme, in Katalogen
zusammengefasst, durch den betriebseigenen Verleih die ganze Öffentlichkeit
anzusprechen versuchen, verzichten selbst diese Unternehmen nicht darauf, ihre
Filme zusätzlich über nichtgewerbliche Verleihorganisationen einzusetzen.
Diese Interessen werden von verschiedenen Verleihunternehmen wahrgenommen, wobei
der Deutschen Industriefilm-Zentrale (DIZ) eine besondere Bedeutung zukommt.
Sie ist die einzige Stelle in der Bundesrepublik Deutschland, die nur Industriefilme
verleiht und über ein umfangreiches Angebot verfügt. Ein jährlich
erscheinender Verleihkatalog sowie die jährliche Broschüre "Der
deutsche Industriefilm" unterstützen diese Bemühungen.
Besondere Bedeutung kommt dem Industriefilm durch seinen Einsatz im Ausland
zu. Durch die DIZ ist die Möglichkeit gegeben, diese Filme in viele Länder
zu schicken. Hierbei ist allerdings zu beachten, dass Filmanforderungen durch
das Auswärtige Amt oder die entsprechende deutsche Botschaft befürwortet
werden müssen. Nur dann ist die DIZ in der Lage, Filme auf dem Kurierweg
zu befördern.
Die Weltpremiere des Films fand 1895 durch Lumière in Paris statt. Der
Titel des vorgeführten Films lautete "Mittagsruhe in Lumières
Fabriken" und zeigte, wie seine Arbeiter die Fabrik verlassen. Der damals
vorgeführte Film wird heute als der erste Industriefilm bezeichnet, weil
er den Menschen und seine Arbeitswelt darstellte, eine Begriffsbestimmung, die
inzwischen beim Industriefilm üblich ist.
Obwohl Versuche mit Tonfilmen bereits seit der Erfindung des Films bekannt sind,
war der Film bis 1927 stumm. Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm erfolgte
am 6.10.1927 in Amerika mit der Vorführung des ersten Tonfilms "The
Jazz Singers" von A. Crossland. In Deutschland war es Walter Ruttmann,
der 1929 mit seinem Dokumentarfilm "Melodie der Welt" den ersten Tonfilm
einem begeisterten Publikum zeigte, und Carl Froelich seinen Spielfilm "Die
Nacht gehört uns". Auch der 1930 unter der Regie des österreichischen
Filmregisseurs Josef von Sternberg produzierte erfolgreiche Film "Der blaue
Engel" gehört zu den ersten Tonfilmen.
Nachdem der Film 1895 mit einem Dokumentarfilm seinen Siegeszug durch die Welt
begann und damit eine bis dahin unbekannte und völlig neue Übermittlung
von Informationen ermöglichte, dauerte es doch 17 Jahre, bis die deutsche
Wirtschaft den Vorteil dieses Mediums nutzte, um sich selbst darzustellen. So
wurde der erste deutsche Industriefilm, von dem man weiß, 1912 von der
damaligen Deutschen Reichspost in Auftrag gegeben. Er sollte die Öffentlichkeit
über die Einrichtungen und den Betrieb dieser Behörde aufklären.
Zwischen den Jahren 1922 und 1943 ließ die Reichspost 75 post- und fernmeldetechnische
Filme produzieren. Erstaunlicherweise verliehen die Deutschen Reichspost-Dienststellen
aber auch schon etwa 100 weitere Filme über Unfallverhütung, Berufsausbildung
und Sport.
In dem ersten zusammenfassenden Werk Die deutsche Filmindustrie von Karl Zimmerschied
(Stuttgart 1922) heißt es u.a.: "Jedenfalls aber kann der wirtschaftliche
Kulturfilm den einzelnen Wirtschaftszweigen ein weit ausgedehnteres anschaulicheres
Propagandamittel sein, als die beste Reklame durch die Presse oder durch Kataloge
und Beschreibungen des Reisenden. Der Film zeigt viel glaubwürdiger als
der Reisende dem Kunden z.B. die Anwendung einer Ware, Einrichtung usw. Der
Film gibt dem Interessenten für technische und materielle Einrichtungen
Gelegenheit, sich persönlich von der praktischen Tätigkeit der größten
Maschineneinrichtungen, von der Rentabilität neuer Verfahren usw. zu informieren."
Und in einer 1924 erschienenen Philosophie des Films (Regie, Dramaturgie und
Schauspieltechnik, Hohe-Weg-Bücher, Band 2, Bremerhaven) taucht zum ersten
Mal der Name "Industriefilm" auf.
Bereits in den Jahren 1914 bis 1920 stellten Firmen wie Hoechst, Krupp und Siemens
Filme her oder gaben Filme in Auftrag, die der technisch-wissenschaftlichen
Information dienten und später als Industriefilm eingestuft wurden. Damit
war einer der ersten Schritte vollzogen, mit denen in Deutschland das Neuland
des Industriefilms betreten wurde. Immerhin hatten bis zum Jahre 1925 etwa 250
dieser Filme die deutsche Zensur passiert. Die meisten von ihnen beschränkten
sich auf die dokumentarische Darstellung von Bewegungsabläufen und waren
noch ohne Dramaturgie und Gestaltung.
Ein Wandel zur Verselbstständigung des neuen Mediums kündigte sich
erst in den 1930er-Jahren an. Der 1935 von Willy Zielkes gedrehte Eisenbahn-Film
"Das Stahltier", der die Geschichte der Eisenbahn erzählte, zeigte
schon rein technische Bewegungsabläufe, Räderrollen, Fahrten über
Schienen als selbständige Stil- und Ausdrucksmittel. Dieser Film wurde
für eine spätere Generation von Industriefilm-Gestaltern beispielgebend.
Für den deutschen Industriefilm gab es zunächst keine Entwicklungsmöglichkeiten,
denn die Kriegsfolgen verhinderten die Produktion derartiger Filme. Daher war
der Bedarf an ausländischen Industriefilmen besonders groß, weil
die deutsche Wirtschaft auf diese Weise Kenntnisse über neue Verfahren
und Techniken, die während des Krieges im Ausland entwickelt worden waren,
erhalten konnte und solche Informationen auch dringend benötigte, um ihre
Arbeit dem internationalen Niveau anzupassen und dadurch wieder wettbewerbsfähig
zu werden. Hinzu kam, dass die aus dem Krieg heimkehrenden Männer, die
in vielen Fällen keine reguläre Ausbildung genossen hatten, mit Hilfe
dieser Filme möglichst schnell mit den neuen Arbeitsmethoden vertraut gemacht
werden konnten.
Aus diesen Gründen begann 1951 das Rationalisierungskuratorium der Deutschen
Wirtschaft (RKW e.V.) mit seiner Filmarbeit. Es übernahm geeignete Filme,
vor allem aus den USA und später auch aus anderen westlichen Industrieländern
– wie Großbritannien, Kanada und Frankreich. Diese Filme wurden deutsch
synchronisiert. So entstand ein Filmarchiv von über 400 Titeln, die sich
mit Rationalisierungs- und Verfahrensfragen befassten und unter denen auch schon
deutsche Industriefilme waren. Die aktive Filmarbeit des RKW endete 1961 mit
der Übergabe des Filmarchivs einschließlich aller Negative im Jahre
1963 an die Deutsche Industriefilm-Zentrale (DIZ) in Köln. Nachdem die
Bundesrepublik Deutschland gegründet war, begann – zunächst zögernd
– wieder eine deutsche Industriefilmproduktion.